Countdown 24

2011 - The Pocky year

19. 12. 2007 - Lampionboote

Sie saß an der Spitze der Landzunge und beobachtete den Zug der Boote an ihr vorüberziehen.

Es waren viele heute Nacht, so viele, viel zu viele.
Langsam und leise glitten sie durch die Dunkelheit, nur von der Strömung des Wassers in Bewegung gehalten, unaufhaltsam in Richtung des offenen Meeres. Die Laternen, die an der Spitze des Buges befestigt waren, sahen aus der Ferne aus wie tanzende Glühwürmchen. Manche allein, manche als Paar, einige weiß, einige blassrot.

Je näher die Boote kamen, desto besser konnte man die Gesichter erkennen, die vom fahlen Licht beleuchtet wurden. Sie kannte nicht alle, zum Glück nicht, nicht bei so vielen Booten heute Nacht, aber immer noch genug.

Dort war die kleine Schwester ihrer besten Freundin, sie trug ihr liebstes Sommerkleid. Im nächsten Boot war eine ältere Frau, schon mit vielen kleinen Fältchen im Gesicht. Sie erkannte die Marktfrau, die ihr so oft einen Apfel zu ihrem Einkauf dazugeschenkt hatte.
Dahinter kam ein größeres Boot mit zwei Laternen, drinnen zwei Gesichter, die sie nicht kannte, doch von denen sie wusste, wer sie sein mussten, ein junges Paar aus dem Grenzdorf. Die junge Frau trug noch ihr Hochzeitskleid, das strahlende Weiß jetzt stellenweise von Rot entstellt, ihr Mann neben ihr, sie hielten sich an den Händen. Nach der Feier war eine Bootsfahrt geplant gewesen, zum Übersetzen auf eine benachbarte Insel, wo ihr neues Heim stand. Doch nicht so.

Mehrere kleine Boote folgten, rote Laternen, Tücher gnädig über die Gesichter gelegt. Doch die Größe der Körper war noch zu erkennen, klein, Kinder, noch kleiner, Säuglinge. Irgendwo war ihre Kusine dabei, das erste Kind ihrer Tante, hoffnungslos verzogen. Sie war sieben.

Sie fing an zu frieren, die kalte Nachtluft kroch unter ihren Mantel, der einsetzende Regen begann sie zu durchnässen.
Aber lange musste sie auch nicht mehr lange warten.

Sie konnte das Boot schon von weitem an den zwei Laternen ausmachen, eine weiß, eine rot. Die beiden hatten schon vor ein paar Tagen gesagt, dass sie zusammen auf die Reise gehen wollten.
So lagen sie nebeneinander auf dem Boden des Bootes, ihr Vater mit geschlossenen Augen, einen ungewohnt sanften Ausdruck im Gesicht. Er trug seine beste Jacke, ihre Mutter hatte sie ihm zur Beförderung zum Kommandanten selbst bestickt. Sie verdeckte die große Wunde, die sie vor ein paar Stunden noch so genau gesehen hatte, entsetzt angestarrt hatte, ungläubig, nicht begreifend, nicht begreifen wollend.
Neben ihm war sein Bruder, ihr Onkel, die entstellten Gesichtszüge von einem hellen Tuch bedeckt. In den letzten drei Tagen hatte man niemanden mehr zu Besuch gelassen, die Gefahr einer Ansteckung viel zu hoch. Seine Frau hatte ihn bis zuletzt gepflegt.

Sie saß bewegungslos am Ufer und sah das Boot vorübertreiben. Sie blickte auf das ihr so vertraute Gesicht und fühlte gar nichts mehr. Nur Leere, alle Emotionen schon verbraucht.
Ihr war vor Schock übel geworden, als sie die Nachricht erhalten hatten, sie hatte sich übergeben, die darauffolgenden Wutanfälle und Weinkrämpfe hatten sie zermürbt und ausgelaugt. Das Boot hatte sie mit fast schon mechanischen Bewegungen vorbereitet, die Laternen befestigt, die Medaillons daran gebunden, die zwei Flaschen mit Bergwasser ins Boot gelegt.
Gesprochen hatte sie seitdem kein Wort mehr.

Langsam waren auch die Letzten der Boote vorbeigezogen. Durch den aufkommenden Wind wurde die Fahrt unruhig und die Boote schaukelten auf dem Wasser hin und her. Jetzt erinnerten die Lichter mehr an einen gespenstischen Tanz, den einsamen Tanz der verstorbenen Seelen auf ihrem Weg ins Große Meer.

Die Lichter waren nur noch kleine blasse Punkte über dem Wasser, nacheinander verlöschend, als sie in Richtung Horizont weiterfuhren.
Sie blieb sitzen, bis auch das Letzte in die Dunkelheit verschwunden war, und überließ es dem Regen, ihre Tränen zu weinen.

19.12.07 00:54