Countdown 24

2011 - The Pocky year

3. 12. 2007 - Zweitschlüssel

Sein Urlaub war rum, alle Tage, die er sich freinehmen konnte, restlos verbraucht. Er konnte sich nicht wirklich beschweren, 4 Wochen waren schließlich nicht gerade kurz. Er fand sie aber viel zu viel zu kurz. Schließlich musste er nicht nur San Diego verlassen, um sich todesmutig wieder in den unersättlichen Schlund des riesigen Molochs namens New York zu stürzen, sondern auch sie.

Es war nun allerdings nicht so, als hätten sie beide nicht von Anfang an gewusst, dass das Ganze nur ein Urlaubsflirt ist und bleibt, und sie sich danach wieder trennen würden. Das machte die Sache sehr viel unkomplizierter, weil man einfach Spaß miteinander haben konnte, ohne sich allzuviele bedeutungsschwere Gedanken um Zukunft oder Basis der Beziehung zu machen, weil man über nervige Kleinigkeiten des Anderen leichter hinweggehen konnte, wenn man wusste, dass man sie nur für eine gewisse Zeit ertragen muss.
Alles also ganz unproblematisch.

Aber er hatte es mal wieder verbockt. Er fühlte sich zu wohl. Und er mochte sie zu sehr. Er wachte morgens neben ihr auf und wollte einfach bis in alle Ewigkeit so liegen bleiben. Er wollte jeden Morgen ihr Gesicht sehen können und jeden Tag ihr Lachen hören und ihr genervtes Gesicht sehen können, wenn ihre beste Freundin ihr am Telefon wieder das Ohr ablaberte. Er hatte sich einfach hoffnungslos verliebt.

Aber er musste jetzt gehen. Er war Grafikdesigner in einer ziemlich renommierten Firma, ein recht gut bezahlter und sicherer Job. In New York. Sie war mit ihrem Chemiestudium fast fertig und hatte schon eine Promotionsstelle bei einer guten Firma sicher. In San Diego.

Er hatte erst gar nicht damit angefangen. Sein Problem, wenn er sich nicht an Ferienbeziehungsregeln hielt, sein Problem, wenn er die nächsten Wochen wie auf Happy-Pill-Entzug durch die Gegend schlurfen würde, sein Problem, wenn er sich betrinken und ganz und gar unmännlich ein wenig heulen würde. Er musste sie nicht unnötig mit einem schlechtem Gewissen belasten und ihr den Abschied schwerer machen als nötig.

Und so kam dieser Tag, an dem es vorbei war. An dem er zum tausendsten Male darüber nachdachte, doch einfach zu kündigen und hierzubleiben. Fünf Minuten lang sogar ernsthaft. Er war beim Packen - wie hatte er es geschafft, in so kurzer Zeit sein bisschen Zeug so gründlich in ihrem Appartement zu verteilen? - noch viel schweigsamer als sonst, er hatte keinen Appetit, obwohl sie sogar ihren Special-Curry nochmal gemacht hatte, und er erwischte sich selbst dabei, wie er alles dreimal langsamer als sonst machte, in der Hoffnung, vielleicht sein Flugzeug zu verpassen.
Er war komplett bescheuert geworden. Scheiß auf Liebe, er wollte seinen Verstand zurück. Obwohl ...

Plötzlich waren sie schon am Flughafen, ihr bester Kumpel hatte sie gefahren, sie hatte selber kein Auto. Check-In, Gepäckaufgabe, Wartehalle, Aufruf - Abschied. Sie sagten beide nicht viel, auch sie schien heute ihre sonstige Redefreude verlegt zu haben. Ein letzter Kuss, ein letzter langer Blick, dann löste sie ihre Arme von ihm, lächelte ihn ein letztes Mal an, drehte sich um und ging. Winkte ihm kurz vorm Ausgang noch einmal zu und wurde dann vom grellen Licht vor dem Gebäude verschluckt.

Es war vorbei und er war - ganz ehrlich - doch irgendwo enttäuscht, dass es für sie so einfach gewesen war. Sie würde jetzt zum Footballspiel ihres Kumpels weiterfahren und wahrscheinlich schon im Wagen sitzen und grinsend das Radio auf volle Lautstärke drehen. Um lautstark und falsch mizusingen. Aber sie hatte auch nie etwas Anderes versprochen.

Der Flug tat sein Bestes um ihn abzulenken, er bekam einen Anruf von seinem Chef mit einem kurzen Update und eine Email mit neuen Projekten zum Durchsehen. Die Fahrt mit dem Subway war sowieso ein einziger Überlebenskampf um Luft, Platz und den Ausstieg an der richtigen Station, der jeden Unaufmerksamen mit sofortigem Erstickungstod bestrafte. Doch beide schafften es nicht, dieses bleierne Gefühl in seinem Magen zu vertreiben.

Aber als er dann vor seiner Wohnungstür stand, seinen Schlüsselbund rauskramte und ein komisches unbekanntes blaue Etwas dranhängen sah, war es von einer Sekunde auf die andere weg. Das blaue Etwas war eine beschreibbare Schlüsselplakette.

"My spare. If you should just by chance be around and feel like a coffe or a shower - make yourself at home."

3.12.07 13:16