Countdown 24

2011 - The Pocky year

6. 12. 2007 - Kaffee zum Mitnehmen

Es war einer der typischen Tage, an denen einfach nichts so lief, wie es sollte. Bei seiner Ankunft am Flughafen wurde ihm mitgeteilt, dass der Herr, der ihn hatte abholen sollen, wegen eines Unfalles seiner Frau plötzlich ins Krankenhaus gerufen wurde, er solle doch bitte ein Taxi nehmen. Was er gerne getan hätte, wäre eines vor dem Terminal gestanden. Aber das taten Taxen ja nie, wenn man sie wirklich brauchte. Ein Kollege hatte das mal die "SKEVT - Spontane Kongressepidemie der vereinigten Taxifahrer" getauft. Stimmte immer. Er hatte sich also letztendlich den Weg zum Hotel von Passanten erfragt und war zu Fuß gelaufen, hatte sich gefreut, extra früh geflogen zu sein, so dass er jetzt wenigstens vor der offiziellen Begrüßung noch eine Dusche zur Erfrischung nehmen konnte - aber die Rezeptionistin mit dem festgeklebten Lächeln informierte ihn darüber, dass sein Zimmer wegen eines mysteriösen Unglückes mit einer Gardinenstange und einer offenen Saftschorle noch einmal gründlich gereinigt werden müsse. Und nein, sie seien ausgebucht, er könne leider leider kein anderes Zimmer bekommen. Bis heute abend sei die Angelegenheit auch geregelt, bis dahin könne er es sich ja in der Lounge bequem machen. In einer solchen Situation half es ihm leider wenig, ein hervorragender und mehrfach ausgezeichneter Webdesigner zu sein, seine künstlerische Macht beschränkte sich nur auf virtuelle Raumgestaltung.

Und so fand er sich also ein wenig angepisst, erschöpft, übermüdet, hungrig und geladen in einem Ledersessel im Loungebereich der Hotelhalle wieder. Wobei Lounge nur bedeutete, dass er von fürchterlicher synthetischer Wellnessmusik beschallt wurde und durch das ständige Kommen und Gehen der Besucher einer sehr dubiosen Veranstaltung im Saal neben ihm einen persönlichen Laufsteg selbsternannter Schönheitsköniginnen vor seiner Nase hatte. Also die Erfüllung all seiner geheimsten Wünsche.

In dieser katastrophalen Situation blieb eine allerletzte Hoffnung: Ein sehr sehr starker Kaffee. Zur Nervenberuhigung, Abtötung des nagenden Hungergefühls und zum notdürftigen Wiederaufladen der innerern Batterie. Aber wer hätte es gedacht: Amerikanische Kaffeeautomaten besaßen die Dreistigkeit, nach Einwurf des - natürlich bitte genau abgezählten - Kleingelds die Meldung auszuspucken, dass momentan nur heißes Wasser für einen Zitronentee zur Verfügung stände. Scheiß auf Kinder-Zitronentee!

Er resignierte, ließ sich in seinen Ledersessel zurückfallen und klappte seinen Laptop auf. Zeit ungenutzt abzusitzen verstieß gegen seine obersten Maximen, also machte er sich daran, die Entwürfe seines Teams für die Gestaltung der Prospekte eines neuen, hochmodernen und natürlich hässlichen Gebaudekomplexes durchzusehen. Und trotz des ständigen Gewusels um ihn herum und der konstanten Berieselung mit ätherischen Klängen schaffte er es, sich für ein paar Minuten auf seine Arbeit zu konzentrieren. Bis...

Es war ein plötzlicher Ausbruch eines Schwalles höchst eloquenter Flüche, begleitet von wiederholten dumpfen Geräuschen. Er blickte auf und fand seinen alten Feind, den Kaffeeautomaten, in arger Bedrängnis durch ein weibliches Wesen in leichter Abendgarderobe, das seine Wut durch Tritte an denselbigen zum Ausdruck brachte. Ein höchst amüsanter Anblick, der ihn mehr an Fans bei Sportveranstaltungen erinnerte, und als besagtes weibliches Wesen plötzlich anfing, auf einem Bein zu hüpfen und sich unter neuen ebenso kreativen Flüchen den schmerzenden Fuß zu halten, musste er schadenfroh grinsen. Wenigstens hatte sich dieser Tag nicht ihn als einziges Opfer ausgesucht. Und er verspürte große Lust, jemandem diese Erkenntnis unter die Nase zu reiben. "Sie werden sich Ihren Kaffee wohl woanders holen müssen, der Automat scheint defekt zu sein." Er bemühte sich nicht sonderlich, die Schadenfreude aus seinem Ton herauszuhalten.

"Ach was, Neuigkeit des Tages." Ihn traf ein ätzender Blick zurück. Aus einem ansonst recht hübschen Gesicht. Er war leicht überrascht, keine der vollbemalten Peroxidblondinchen vor sich zu haben, die schon die ganze Zeit hier rumliefen, sondern eine ganz normale junge Frau. Vermutlich eine von der drei Einzigen in ganz Amerika. Nein, er hatte keine Vorurteile, nur Erfahrung. Ungute.

"Verdammt, ich wollte doch nur einen Kaffee und zehn Minuten Ruhe. Diese Typen machen mich echt fertig." Sie lehnte sich seufzend an die Wand und warf einen sehr angekotzten Blick in den Saal hinein. "Haben Sie schon mal so viel Narzissmus und Dummheit auf einem Haufen gesehen? Es ist ein Trauerspiel. Die Helligkeit der Haarfarbe verhält sich umgekehrt proportional zum IQ der Trägerin. Aber in ihrer Scharfsinnigkeit wissen Sie das vermutlich bereits, nicht wahr?" Ein weiterer ätzender Blick.

Er lächelte entschuldigend. "In der Tat ist diese Beobachtung nicht schwer zu treffen, allerdings verrät mir mein exzellenter Scharfsinnig nicht, was Sie dann noch hier hält? Ihre Zeit ist doch viel zu schade, um sie hier zu vergeuden."

"Ich bin für die Musik zuständig. Und werde gut dafür bezahlt. Sehr gut. Obwohl ich eine Entschädigung für geistige Quälerei verlangen sollte. Und Ihre scharfsinnige Exzellenz kann nur in lauten Hotellobbies effizient arbeiten?" Sie musterte ihn spöttisch.

Er hob die Augenbrauen. "Ich versuche mich lediglich durch unterbewusste Umgebungsstimulation mit dem Niveau meines Vortragspublikums zu assimilieren. Oder gibt es gute Gründe, warum amerikanische Grafikdesigner nicht genauso ihren Klischees entsprechen sollten?"

"Vortrag für Grafikdesigner? Sind Sie Redner auf diesem Kongress über mediale Raumgestaltung?"

"Ja." Er lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Der Bildschirmschoner sprang an.

"Aha." Ihr Blick war zurück in den überfüllten Saal gewandert. Sie wirkte immer noch ziemlich genervt und müde und er fragte sich, wie ihr Gesicht aussähe, wenn sie mal lächeln würde. Doch offensichtlich hatte sie jede Lust an jeglicher Art von Gespräch verloren und blieb stumm. Dann drehte sie sich um und entfernte sich Richtung Toiletten.

Nun gut, dann halt nicht. Er drückte den Bildschirmschoner weg und wandte sich wieder seinen zahlreichen Abbildungen zu. Lernten die es denn nie, dass knallige Farben überhaupt nicht passten? Die Flure sollten beruhigend wirken, also gedeckte Farben. Kein Gefühl für Ästhethik...

Er kam nicht viel weiter als bis zur Verbesserung der Wandfarbe, als er wieder unterbrochen wurde. Diesmal von einer Hand, die sich in sein Sichtfeld bewegte und ihm einen Starbucks-Kaffeebecher mitten auf die Tastatur stellte.

"Normalerweise kriegt man einen Keks dazu, aber den habe ich als Transportgebühr beschlagnahmt. Und das ist schon Sonderpreis."

Als er den Kopf hochgehoben hatte, war sie schon an ihm vorbei und auf dem Weg zurück in den Saal. Ihr Gesicht war zwar halb durch ihren eigenen Becher bedeckt, den sie in großen Zügen leertrank, doch er war sich ziemlich sicher, dass sie zumindest leicht lächelte. Und als die Rezeptionsdame ihm endlich mitteilte, dass sein Zimmer frei wäre, und er auf dem Weg zum Aufzug noch in der Wegwerfbewegung die handgeschriebene Nummer auf dem Becherrand entdeckte, war er sich ganz sicher.

6.12.07 13:50