Countdown 24

2011 - The Pocky year

16. 12. 2007 - Cursive

Es gibt Momente, da wünsche ich mir, mein Leben wäre ein Film und ich könnte die Pausetaste drücken. Weil der Moment grade so toll ist. Weil ich gerade glücklich bin. Vielleicht nicht vollkommen glücklich, vielleicht habe ich nicht alles, was ich mir wünsche, und mein Leben ist nicht perfekt, aber ich bin so zufrieden und fühle mich grade so gut, dass ein bisschen Pausieren mit Standbild gar nicht schlecht wäre. Dann kann man in aller Ruhe einen Screenshot machen, sich eben eine Tasse Kaffee aus der Küche holen und noch eine halbe Minute in der Stimmung verbleiben, bevor das Leben weitergeht. Bloss der Soundtrack wird kurzzeitig unterbrochen - nun ja, nichts ist perfekt.


Eines der schlimmsten Dinge, die mir bisher passiert sind, ist ein totaler Stromausfall.

Stromausfall ist das Gefühl, als hätte dir jemand den Stecker gezogen und du keinen Antrieb mehr. Dir fehlt jeglicher Wille, irgendetwas zu tun. Du sitzt irgendwo und kannst gar nichts machen. Alle Motivition ist vollkommen ausradiert, du willst dich nicht bewegen, du willst nicht aufstehen, du willst nicht tun, du willst nicht mal darüber nachdenken, irgendetwas zu tun. Du verbringst den Tag wie auf einem Förderband, komplett auf Autopilot, ohne Kontrolle. Die Zeit vergeht irgendwie, es wird Abend, du gehst schlafen, stehst auf, der nächste Tag treibt an dir vorbei, aber es ist belanglos. Alles ist vernebelt, grau und ohne Farben, schwammig, konturlos und du fühlst dich, als ob dein Leben plötzlich ohne dich nach rechts abgebogen ist und du gingst weiter geradeaus. Noch schwebst du, bist einfach haltlos und driftest durch den Raum, orientierungslos, und hast die Richtung verloren, weißt nicht, wie und ob du dein Leben wiedereinholen kannst. Aber bald wirst du auch noch anfangen zu fallen. Und die Gewichte, die an dir ziehen, werden jeden Tag schwerer, und das Grau immer dunkler.

Alles, was du tun kannst, ist hoffen, dass oben noch jemand steht, der dich festhält und wieder hochzieht.


Ich hasse Perfektion. Nicht Perfektion an sich, im Sinne eines anstrebenswerten Ideals. Aber ich glaube nicht an die Existenz von Perfektion, sie bleibt einfach immer nur ein Ideal, ein Gedankenkonstrukt, ein Ziel. Ich glaube nicht daran, dass es ein perfektes Etwas gibt. Weder einen perfekten Tag, noch ein perfektes Buch, einen perfekten Menschen, noch sonstwas. Aber das finde ich absolut gut so.

Davor, dass Perfektion wirklich irgendwo existiert, habe ich eigentlich sogar Angst. Wenn ich jemals einen Menschen treffen würde, der "perfekt" wäre, der wirklich ohne Fehler ist, sich immer richtig verhält, genau richtig aussieht, das Richtige sagt, das Richtige tut, dann würde ich absolut verzweifeln. Weil ich weiß, dass ich nie perfekt sein werde. Und Perfektion ist für mich auch nicht menschlich. Menschlich sein heißt Fehler haben, Ecken und Kanten, mal gut drauf sein, mal schlecht. Und das ist nicht perfekt.

Perfektion kann für mich nur dann existieren, wenn ich definiere, dass für mich eben etwas nur dann perfekt ist, wenn es unperfekt ist. Womit es wieder nicht perfekt sein kann. Catch 22.

Wenn man Perfektion also nicht als existent anerkennt, macht das viele Dinge leichter. Man kann sich schneller mit etwas zufrieden geben, was zwar nicht ganz genau in allen Aspekten so ist, wie man es sich wünscht, aber gut genug, um damit glücklich zu sein. Weil es perfekt eben nicht geht. Würde man sagen, ich will aber das 100%-Glück finden, dann ist man sein Leben lang erfolglos auf der Suche.
Genauso kann der Schuss aber auch nach hinten losgehen, indem man sich mit zuwenig arrangiert. Die Arbeit recht unfertig liegenlässt, weil es ja sowieso nicht perfekt werden kann. Sich nicht anstrengt, irgendetwas zu erreichen, seine Träume nicht verfolgt, denn die Erfüllung der Träume wäre ja perfekt und das gibt es nicht. Es ist schwierig, diese Grenze zu finden, bis zu der man im Anstreben von Perfektion geht, so dass der Aufwand die Verbesserung noch rechtfertigt.

Außerdem wäre Perfektion unsagbar langweilig. Stell dir einen Tag vor, an dem alles perfekt wäre. Du wüsstest genau, was passiert: Die U-Bahn fährt dann ein, wenn du in die Station kommst, du hast sofort einen Platz, die Dozenten sind alle verhindert und die Sonne scheint, es ist genauso warm, dass es superangenehm ist, sich draußen hinzuchillen, die Mensa hat dein Lieblingsessen und deinen Lieblingsnachtisch und dein Lieblingsmensch kommt vorbei und fragt dich nach einem Date - toll, aber ganz ehrlich, todlangweilig. Keine Überraschungen, keine Herausforderungen, nichts für mich. Mein perfekter Tag ist eben nicht perfekt.

16.12.07 20:11