Countdown 24

2011 - The Pocky year

21. 12. 2007 - Zedernleben

An meine ersten Tage erinnere ich mich kaum. Ich weiß nur noch, dass es sehr hell war und ich dicht neben meinen Geschwistern in satter, leichter Erde stand. Und es war nie leise, die Blumen um uns herum waren mit ihren hellen Stimmen beständig am Schnattern, Lachen und Tratschen. Nicht dass es mich gestört hätte, ich kannte damals nichts anderes.

Eines Tages - ich war erst drei Äste alt - fing die Welt an sich zu bewegen. Einfach so kippte der Himmel hin und her, hoch und zur Seite und blieb dann wieder stehen. Dafür wanderte jetzt alles andere um mich herum. Die Blumen entfernten sich, wurden kleiner und verschwanden schließlich. Dafür kamen weitere Bäume, Bäume, die ich nicht kannte, mit denen ich nicht aufgewachsen war und die teilweise so seltsam aussahen, dass ich nicht wusste, ob ich noch mit ihnen verwandt sein wollte. Denn dass alle Bäume zu einer riesigen Familie gehören war eine unbestreitbare Tatsache. Doch diese Gewächse - gerade und kahl und ihre Nadeln waren groß und plattgedrückt und von einem sehr ungesund aussehenden hellen Grün. Ich bedauerte sie.

Zu dieser Zeit sah ich auch zum ersten Mal die Gebilde, die die Menschen Häuser nennen, und Wasser, das ich sonst aus der Tiefe der Erde holte, frei an der Oberfläche fließen. Und ich lernte die Tiere kennen. An dem Ort meiner Kindheit hatte es nur kleine Käfer gegeben, die ich kaum spürte, wenn sie an mir herumkrabbelten. Doch als wir durch Gebiete kamen, in denen sehr viele meiner Kusinen dicht beieinander lebten, sah ich viele Wesen, die mir neu waren. Vögel und Rehe und Füchse und Hasen und Eichhörnchen und Wildschweine und noch viele andere Lebewesen. Diese Tiere konnten sprechen und die Vögel setzten sich gerne für eine Weile auf meine jungen Äste und unterhielten sich mit mir.
So lernte ich über die Welt.

Und dann hörte plötzlich alle Bewegung auf. Ich stand wieder still und spürte saftige Erde um meine Wurzeln und tat gierig ein paar Züge. Ein sehr hohes Haus stand neben mir, zur anderen Seite erstreckte sich grünes Gras. Um mich herum standen viele Menschen, bunt gekleidet, und offensichtlich sprachen sie über mich, denn es wurde ein rotes Band um mich gewickelt, das dann gleich wieder durchgeschnitten wurde. Sinnlos, wenn ihr mich fragt, aber das junge Mädchen in langem weißen Kleid, das das Band durchschnitt, schien sich darüber zu freuen, denn sie lächelte dabei. Überhaupt lachte sie an diesem Tag viel.

Damit begann mein eigentliches Leben. Ich stand im Garten eines Schlosses und durfte wachsen. Es ging mir sehr gut, in zu trockenen Sommern bekam ich Wasser, in zu harten Wintern wurden meine Äste von zu großer Schneelast befreit. Ich wuchs und wuchs, meine Äste mehrten sich und wurden stark und kräftig. Viele Wechsel der Jahre erlebte ich mit, ich sah das Mädchen im weißen Kleid wieder - sie war älter geworden, aber ihr Lächeln war immer noch so schön wie an dem Tag, als ich kam - und ich sah ihre Kinder aufwachsen - sie spielten gerne mit mir, kletterten auf meine Ästen und ließen sich dann vom Vater herunterheben, lagen an heißen Tagen in meinem Schatten oder tanzten um mich herum.

Es verging mehr Zeit und ich wuchs weiter. Nun war ich bereits so groß, dass ich über die Mauer des Gartens blicken und die Stadt sehen konnte, die zum Schloss gehörte. Ich mochte sie sehr und lauschte gerne den Gesängen, die vom Markt oder den Stadtfesten zu mir hinaufdrangen. Mit einem Rotkehlchen und einem Eichhörnchen schloss ich Freundschaft. Die älteste Tochter des Hauses, Farina, war bereits zu einer so schönen jungen Dame wie ihre Mutter damals geworden und im hellen Sommernächten kam sie oft unter meine Äste, um sich dort heimlich mit einem der Stallburschen zu treffen. Manchmal grasten die Kutschpferde auf meiner Wiese und knabberten im Frühling an meinen jungen Knospen.

Dann kam die Nacht, in der der Himmel sich schwarz und rot verfärbte und die Luft so rauchig wurde, dass mir das Atmen schwer wurde. Die Vögel, die bei mir Zuflucht suchten, erzählten von Feuern in der ganzen Stadt, vom Lärm von Bomben, von Schüssen, von Schreien. Dann begann die hohe Mauer um mein Schloss zu beben und gegenüber des Haupttores zu bersten und plötzlich war der ganze Hof voll von Menschen, die durcheinanderriefen und durcheinanderliefen, und dann war wieder alles still. Der nächste Morgen erleuchtete einen großen Riss in der Mauer und Trümmer und Verwüstung überall im Garten. Doch es dauerte nicht viele Wochen, bis er wieder in seinem alten Grün strahlte. Farina kam noch ein paarmal unter meine Zweige, doch der Stallbursche erschien nie wieder.

Weitere Jahre gingen ins Land und ich verlor die Lust, mich in die Höhe zu strecken. Stattdessen reckte ich meine Arme weiter hinaus, um zu sehen, wie weit ich um das Schloss herumreichen konnte, und putzte meine Äste und Blätter heraus. Ich machte es mir bequem. Die Zeit begann schneller zu laufen - oder aber ich kam nicht mehr schnell genug hinterher - und alle Gärtner des Schlosses, die kamen und gingen, meinten es sehr gut mit mir. Bloss von meinen Versuch, mit einem der Äste in eines der Zimmer im obersten Stockwerk des Gebäudes zu reichen, waren sie nicht sehr angetan und lenkten ihn dezent, aber bestimmt um.

Auch das Schloss wandelte sich, es wuchs in die Breite und änderte seine Farben, wie die Vögel nach dem Winter ihr Gefieder. Ich sah mehr und mehr Menschen in den Räumen wohnen und mehr und mehr Menschen, die aus der Stadt kamen und durch den Garten wandelten. Sie schienen mich zu mögen. Und scheinen es immer noch. Sie scheinen zu ahnen, dass ich viel gesehen habe und inzwischen von einem jungen unwissenden Gewächs zu einer alten wissenden Zeder geworden bin. Viele aus meiner Familie sind nicht mehr am Leben, die Vögel erzählen es mir. Ich aber stehe immer noch hier, auf meiner Wiese, vor meinem Schloss, das meine Arme nicht ganz umfassen können, trinke vom Regen und bade in der Sonne. Und wenn hin und wieder eines der Kinder versucht, auf meine Äste zu klettern, dann senke ich sie leicht herab, und lache unhörbar vor mich hin.

 

 

Bonus - Grafikdesign ftw

Als Entschädigung für die lange Wartezeit hier nun die Links zu den beiden neuen Werken Second steps und Shady. Es sind nur inhaltsleere Probeexemplare mit Fülltext, nicht dass hier jemand grundlose Hoffnungen bekommt.

Mit viel Liebe gemacht.

Besonders die Avatarleiste... ♥

(Falls es dich interessiert: Ja, es gibt auch ein First steps. Da habe ich sehr interessante Absatzformatierungen ausprobiert, aber da ist der Text von mir selbst spontan erdacht und so - strange, dass du es nicht sehen willst. Nur so am Rande.)

21.12.07 20:22