Countdown 24

2011 - The Pocky year

15. 12. 2007 - Die Geisterlande

Er war gewarnt worden.

"Niemand ist jemals lebend aus den Geisterlanden zurückgekehrt, Herr Kommandant", sagten sie. "Bauern aus der Nähe hören nachts Schreie und Klagerufe, und ein einziger Mann soll einmal halbtot eine Hütte erreicht und von Irrlichtern, Golddukaten und Frauen in grünen Gewändern gesprochen haben, bevor er an seinem Fieber starb. Diese Lande sind verflucht! Es wird nichts als Unheil bringen, sie durchqueren zu wollen."

Seine Berater hatten ihn beschworen, angefleht, seine Pläne nochmals zu überdenken. Doch wer war er, sich von Gruselgeschichten für kleine Kinder einschüchtern zu lassen? Verängstigte, inkompetente, senile, alte Greise.
Und so brach er auf.

Sein Feldzug war gegen Tiamat gerichtet und die Stadt lag direkt nördlich der Geisterlande. Wieso also einen Umweg machen, wenn sie auf direktem Weg 4 Tage, bei einer Umrundung der Lande 5 Wochen brauchen würden? Er führte 5 Tausender-Kohorten Fußsoldaten, 600 Reiter und 300 Bogenschützen mit sich, dazu noch 10 persönliche Bedienstete. Drei erfahrene Feldwebel kommandierten die Soldaten. Tiamat wusste nichts von dem bevorstehenden Angriff, Diplomaten des Landes befanden sich noch in Verhandlungen mit seinem Reich. Ahnungslos. Mit diesem Überraschungsangriff würde er den Krieg erklären.

Die Geisterlande waren anfangs trocken und dürr, kaum bewachsen, bis auf den gelegentlichen kahlen Strauch, so dass das Vorankommen keine größeren Probleme darstellte. Auf dem Weg in die Landen hinein folgten sie einem tiefen Flussbett, das zu ihrer Rechten eine steile Schlucht bildete, und ein junger unerfahrener Reiter hatte das Pech, mit seinem scheuenden Pferd hinabzustürzen. Es war schade um das Tier. Abends ließ er Halt machen und wollte neben einer größeren Ansammlungen von Büschen Lager aufschlagen. Minuten später gab es jedoch Tumult in einer der Kohorten und ein Bote kam atemlos angerannt, berichtend, dass zwei Soldaten von einer Giftschlange gebissen wurden. Er ließ die Büsche daraufhin niederbrennen und schickte den Arzt zu den Männern, doch sie erstickten in der Nacht.

Ein mal zwei

Der nächste Tag brachte sie in scheinbar fruchtbarere Gegenden, allerdings waren die Pflanzen allesamt von seltsamen Aussehen, mit Früchten in blassen, unnatürlichen Farben und leicht bläulichen Blättern. Er verbot vorsichtshalber den Verzehr jeglichen Gewächses, Proviant hatten sie ausreichend mitgebracht, doch als ihm Abends einer seiner Feldwebel beim Schachspiel mitteilte, dass sechs der Bogenschützen bei einer Mutprobe von apfelähnlichen Früchten gegessen und blutspuckend zusammengebrochen waren, konnte er nicht weiter tun, als nur den Kopf schütteln. Wer sich nicht an seine Regeln hielt, bezahlte eben für seine Dummheit.

drei

Nachts zog urplötzlich ein Gewitter auf, ohne Vorwarnung war es herangeschlichen und hatte seine ganze Kraft über den Zelten ausgelassen. Eines wurde vom Blitz getroffen und fing an zu brennen, die Pferde gerieten in helle Panik und die schlafenden Soldaten waren nicht alle schnell genug, um sowohl den Flammen als auch den Hufen auszuweichen. Vierundzwanzig Leichen wurden am nächsten Morgen mit kurzen Gebeten in schnell ausgeschaufelten Gräbern verscharrt.

und vier,

Seine Laune verschlechterte sich zusehends. Er war es nicht gewohnt, seine Männer durch solche Kleinigkeiten zu verlieren. Soldaten hatten im Krieg zu sterben, nicht durch Dummheiten und Wetter. Außerdem wurde das Land nicht besser, sondern sumpfiger und dadurch tückischer. Der Boden war nicht mehr fest und die Pferde versanken oft, wenn ihre Reiter sie zu nah an den nun überall auftauchenden Wasserpfützen entlang führten. Dichter Nebel hing über dem Boden und machte es außerordentlich schwierig, die Richtung zu erkennen.

Sie rasteten gegen Mittag an einem größeren Wasserbecken und er hieß die Wasserschläuche auffüllen. Er überhörte einen seiner Diener bei der Bemerkung, dass das Wasser stinke und eine merkwürdige Farbe habe, doch er schalt ihn einen törichten Idioten und schickte ihn sein Essen zuzubereiten. Als er eine Stunde später den Befehl zum Aufbruch gab, wurde annähernd die Hälfte seiner Bogenschützen im Todesschlaf liegend aufgefunden. Sie hatten direkt aus den neu gefüllten Schläuchen getrunken und gegen das aufkommende Flüstern in seiner Truppe ( "die Bauern meinten doch, was immer aus den Geisterlanden kommt, wäre verflucht", "es sind die Moorfrauen, die das Wasser hier vergiften" ), die unsicheren und unwilligen Blicke, das Gemurmel konnte er nicht viel tun. In barschem Tonfall befahl er, die Männer liegenzulassen, da es zuviel Zeit koste, sie zu begraben, und trieb seine Truppen in schnellem Tempo voran.

fünf

Des Nachts wurde er von Albträumen geplagt. Er sah den vergifteten See unter dem immerwährenden Nebel. Dann hörte er einen leisen Singsang, wie den Wind in den Bäumen. Die tanzenden Nebelschwaden stiegen höher, wirbelten immer schneller und begannen sich zu verdichten. Menschliche Gestalten formten sich daraus, Wesen aus Luft und Wasser. Sie bewegten sich langsam umher, fassten sich an den Händen und umkreisten sich und er erkannte, dass sie es waren, die sangen. Er konnte die Stimmen der gesichtslosen Gestalten kaum ausmachen, immer wieder verlor sich die gespenstische Melodie im Nebel und kam wieder näher, "schlaft, unsre Lieben, schlaft, sanft werden wir euch wiegen". Dann fischten die Wesen im Wasser, holten lange grüne Bänder unter der Oberfläche hervor und begannen sie zu verknüpfen und verweben, beständig singend, "unsre Lieben, ihr seid müde, kommt und schlaft, vollendet das Pensum der Nacht. Sanft werden wir euch wiegen, schlaft, schlaft, wieviel geruhsamer bei uns als in den Dämpfen der Berge, bevor der Kobold kommt". Das Lied begann wieder zu verklingen, als die Tänzer sich wieder in die Nebel auflösten und der Wind sich legte. Er wachte auf und fand sich bedeckt von einem Tuch aus Algen. Er schrie und brüllte seine Diener her, wer sich diesen grotesken Scherz erlaubt hätte? Sie verneinten und schworen, dass sie weder etwas getan noch etwas gesehen hätten und er wusste, dass sie nicht logen. Es waren immerhin seine handverlesenen Bediensteten und er hatte hohe Ansprüche, Aufrichtigkeit war einer davon.

Er trat vor das Zelt, um sich an der frischen Luft zu beruhigen. Die Sonne fing bereits an, durch den Dunst über den Horizont zu scheinen und so beschloss er, früh aufzubrechen. Je eher sie aus diesen Gegenden herauskamen, desto besser. Vermutlich waren nicht nur Pflanzen und Wasser, sondern auch der Boden vergiftet und versuchte, ihn mit seinen Ausdünstungen um den Verstand zu bringen.

Seine Männer erschienen, aber es waren zu wenige. Viel zu wenige. Als er seinen Feldwebel befragte, der sich die Augen reibend aus dem Zelt trat, berichtete der, dass offensichtlich die gesamte Truppe denselben Traum gehabt hätte, von tanzenden Gestalten im Nebel, und alle hatten sie dasselbe Lied gehört. Und mehr als jeder neunte Mann sei von seinem Schlafplatz verschwunden, unauffindbar. Nur ein Haufen Algen hätte statt seiner auf den Laken gelegen. Als Beweis hielt er ihm eines der Algenbündel unter die Nase, es glich exakt demjenigen, das er auf seiner eigenen Brust vorgefunden hatte.

mal sechs

Ungläubig starrte er einige Augenblicke lang auf seine Armee, von der er nun innerhalb von ein paar Tagen ein Sechstel verloren hatte. Dann riss er sich zusammen und ließ weitermarschieren. Die Pferde waren in dieser Nacht ebenfalls alle verschwunden. Es war der letzte Tag in dieser verdammten Gegend. Am nächsten Morgen würden sie vor Tiamat stehen und dann würden der Nebel und die Wasser und der Gesang im Geruch von Blut und Eisen untergehen. Innerhalb des Vormittags hatte sich der Moorboden zu Stein gewandelt und sie marschierten auf bergigem Gelände umher. Gegen Mittag erreichten sie einen Anhöhe, von der das Land Richtung Norden nur noch stetig abfiel. Er konnte die Grenze der Geisterlande sehen, wie der unsichtbare Strich auf den Landkarten lagen Ödnis und Weiden nebeneinander. Das Licht, dass die grünen Wiesen erhellte, schien reiner und leuchtender als das hier und er bekreuzigte sich, als er die verbleibende Strecke heraus aus diesem trügerischen Wahnsinn überblicken konnte.

Doch seine Freude war verfrüht.

Er teilte das Heer auf zwei Hälften auf und ließ eine Gruppe auf der rechten Seite des Berges hinabsteigen, während er die linke Seite nahm. Die Wege zwischen den Klippen hindurch waren eng und so würden sie den Fuß schneller erreichen. Unten angekommen wartete er jedoch vergeblich auf den zweiten Teil der Männer. Kaum hatte er eine weitere Verlängerung der Rast angekündigt, kamen zwei Soldaten auf das Heer zugestolpert, schwach, fiebernd. Sie brachen zusammen, als sie vor ihm ankamen und einer der beiden hustete noch ein paar unzusammenhängende Worte heraus, bevor seine Bewegungen endgültig erstarben: "alle tot, Schlote mit roten Dämpfen... die Wichtel, Tag der Sieben... sinnlos..."

In größter Hast setzte sich der Rest der Männer in Bewegung. Inzwischen war ihm Tiamat herzlichst egal, er wollte nur noch die rettenden Wiesen erreichen, dem Geisterland entkommen. Der Zug glich mehr einer Hetzjagd, da die Soldaten alle gleich dachten und schnellstmöglichst weiter hasteten. Die zuletzt gehörten Worte ließen ihn nicht in Ruhe, was meinte ein Sterbender mit Tag der Sieben? Und welcher Fluch konnte dafür sorgen, dass an einem einzigen Tag so viele seiner Männer starben? Es hatte mit Einem begonnen und plötzlich schien der Tod wie bei einem Dominospiel den Rest seiner Armee zu infizieren und umzustoßen. Bei Tag und bei Nacht stahl er sie fort und wurde gieriger und gieriger.

Über diesen Gedanken näherten sie sich immer weiter dem hoffnungsvollen Grün, während sich das Tageslicht langsam zurückzog und der Himmel dunkler wurde. Als er sich zur Seite wandte, um seinen Feldwebel zu fragen, wie weit er die Distanz noch einschätzte, sah er neben sich jedoch nur ein Pferd ohne Reiter. Entsetzt schrie er auf und zügelte sein eigenes Ross. Es bäumte sich auf und mit einer letzten Willensanstrengung drehte er es zum Rest seiner Männer.

Doch er war allein. Kein einziger Mann war zu sehen, kein Tier, nicht einmal tote Körper oder verlorene Helme. Nichts.

und 7, sagte die Stimme.

Und während am Horizont die Sonne über den schadenfroh grinsenden Wiesen – nah, oh so nah, "wir hatten dich gewarnt" - versank, kroch die Eiseskälte der Hoffnungslosigkeit in seine Glieder und erfror ihn.

Dies ist mein Reich.

15.12.07 12:48