Countdown 24

2011 - The Pocky year

1. 12. 2008 - Überlandfahrt

“Don't underestimate the value of doing nothing, of just going along, listening to all the things you can't hear, and not bothering.”
(Winnie the Pooh)

 

"Oh mann, ich warte hier seit einer halben Stunde."

"Tut mir leid, der Physikerheini hat nicht aufgehört zu reden. Danke fürs Abholen."

"Mhm. Warum mach ich das eigentlich?"

"Weil du meinem überwältigenden Charme und der Bitte eines so gut aussehenden jungen Mannes nicht widerstehen kannst?"

Ungläubiger Blick. "Bestimmt nicht."

"Weil du sowieso noch genug Arbeit hattest und die Kongresshalle auf direktem Weg von der Uni liegt?"

"..."

"Wegen der Tofifee?"

"Das muss es sein."

Während sie den Rückwärtsgang einlegte und vom Parkplatz auf die Schnellstraße Richtung Stadt abbog, lehnte er sich gähnend im Beifahrersitz zurück.

"Deiner Gesichtsfarbe nach zu urteilen hast du in den letzten Tagen nicht mehr als 3 Stunden Schlaf pro Nacht gekriegt. Dass du bei den Reden grad nicht eingepennt bist... Dummkopf."

"Ich weiß, ich weiß, aber die Deadline für das Projekt war heute und die Fortbildung besucht sich nicht von selbst."

"Trotzdem Dummkopf."

"Mhm. Ich schlaf jetzt am Wochenende aus. Wie läuft deine Präsentation?"

Sie begann zu erzählen, er schaltete das Radio ein und kippte dann seinen Sitz nach hinten. Drei Minuten später war er eingeschlafen und sie schaltete die Musik wieder aus.

Die Strecke zwischen den beiden Kleinstädten fuhr sich in einer guten halben Stunde. Normalerweise arbeitete er in einer Firma in ihrer Heimatstadt, aber gelegentlich kam es eben auch vor, dass Kongresse in der Nähe ihrer Uni stattfanden und er eine Fahrgelegenheit brauchte. Dann kam er immer mit Schokolade bei ihr vorbei - jedesmal eine andere Sorte und ein anderes Design, darauf achtete sie streng - , aber dass sie ihn eigentlich doch wegen seines überwältigenden Charmes und seinem viel zu gut aussehenden Lächeln mitnahm, brauchte er ja nicht wissen. Man sollte es Männern nicht zu leicht machen.

Schließlich fuhr sie vor seiner Wohnung vor und hielt den Wagen an.

"So, Mister, wir sind da. Du kannst aufwachen."

"..."

Schulterrütteln. "Hey, wir sind da~. Der Herr kann aussteigen und in sein bequemes weiches warmes kuscheliges Daunenfederbett umziehen."

"..."

Kräftiges Schulterrütteln. "HALLO! Das Taxi will auch noch nach Hause!"

"... *zzz* ..."

Indignierter Blick. "Du hast 10 Sekunden. Dann fahre ich zu mir nach Hause und lass dich im Auto weiterschlafen."

"..."

Sie seufzte, schüttelte ihn ein letztes Mal und ließ dann den Motor wieder an. Zur Not konnte er immer noch wieder zurück laufen, es waren nur ein paar MInuten zu Fuß. Doch - bei ihrem Apartement angekommen - fruchteten auch ihre zweiten Weckversuche nichts.

"Da scheint jemand wirklich Nachholbedarf zu haben..."

Vorsichtig wuschelte sie ihm durch die Haare, packte dann ihre Tasche und Jacke zusammen und ging in ihre Wohnung hoch. Sie schmiss ihren Schlüssel auf die Kommode und sich aufs Sofa, doch wirklich müde fühlte sie sich nicht mehr.

Eine halbe Stunde später saß sie wieder im Wagen und bog kurz darauf auf die Autobahn nach Süden.

 

Als er aufwachte, kamen im Autoradio gerade die vier Uhr Nachrichten.

"... was zum Teufel?!"

"Dir auch einen guten Morgen."

"... Häh? Wo zur Hölle sind wir? Ich dachte, du fährst mich nach Hause?"

"Das hab ich auch, aber der Herr wollte nicht aufwachen."

"Was? Ja, aber... aber... wo sind wir? Und wo fahren wir hin?"

"Wir sind - ähm, ungefähr 400 km weiter südlich. Und wir fahren dahin, wo ich hinwill."

"...? Ja, sicher. Du willst mich doch verarschen."

"Nein. Da, bitte, Autobahnschild voraus."

"..."

"..."

"Bist du die ganze Nacht durchgefahren? Sag mal, bist du bescheuert? Du kannst mich doch nicht einfach irgendwo hinfahren, ohne mir Bescheid zu geben. Wann fährst du zurück? Und -"

"Klappe halten. Erstens ist es deine Schuld, wenn du einfach einpennst und nicht aufwachst, selbst wenn man dir direkt ins Ohr brüllt, und zweitens bin ich der Fahrer und du hast nichts zu sagen."

"Du entführst mich also."

"Yep."

"Und -"

"Klappe."

"..."

Er starrte sie eine Weile mit offenem Mund und einer Mischung aus verpeiltem und absolut ungläubigen Blick an. Dann drehte er sich schicksalsergeben wieder um und schlief weiter.

 

Das nächste Mal wurde er dadurch wach, dass das Auto zum Stehen kam und sie das Verdeck ihres Cabrios aufklappen ließ.

"Wir sind da."

"Ach. Gut. Hm. Guten Morgen. Sagst du mir jetzt, wo wir sind?"

"Noch ein bisschen weiter südlich und - wie du siehst - am Strand."

"Ach. Gut. Hm. Und was soll das jetzt?"

"Ah, siehst du? Wir sind pünktlich."

Sie zeigte zum Horizont, an dem gerade die Sonne aufzugehen begann, und kramte dann aus einer Kiste auf der Rückbank Tassen, ein Thermoskanne und zwei große Tüten vom Bäcker heraus. Er schob die Decke - wo war die eigentlich hergekommen? - von seinen Schultern und ließ sich einen Kaffee und Croissants in die Hand drücken. Und so saßen sie schweigend nebeneinander und frühstückten, er noch nicht völlig wach und sich die Augen reibend, sie inzwischen doch müde und vor sich hin gähnend.

Schließlich war es komplett hell und er fegte die Krümel von der Decke.

"Hast du uns jetzt stundenlang durch die Gegend gefahren, nur damit wir am Strand den Sonnenaufgang anschauen können?"

"Nicht nur." Sie gähnte wieder. "Pass auf, ich schlaf jetzt 'ne Runde und du gehst am Strand spazieren und sammelst Muscheln."

"... bitte? Dein Ernst?"

"Magst du keine Muscheln?"

"..."

"Jetzt chill mal. Wir fahren morgen Abend wieder zurück und bis dahin machen wir Urlaub. Wir können in die nächste Stadt fahren und Sight-seeing machen. Hier soll es viele Onsen geben, wir können auch baden fahren. Oder einen Zoo suchen. Oder ein Kino. Oder in irgendein Café setzen, dann kannst du sogar an deinem heißgeliebten Laptop arbeiten. Aber ein bisschen Erholung und Ausspannen würde dir gut tun."

Er sah sie an und lachte dann.

"Ich lass mich nie wieder von dir abholen. Gut, ich geh mir die Beine vertreten, bin bald wieder da."

Sie nickte müde, er warf ihr die Decke über den Kopf, zog sich die Schuhe aus und spazierte am Wasserrand den Strand entlang.

1.12.08 00:35