Countdown 24

2011 - The Pocky year

2. 12. 2008 - Nach(t)hilfestunden

Sehr ungehalten stapfte der Meister durch die langen Flure der Akademie. Die letzte Sitzung des Rates hatte seine Nerven mal wieder aufs Äußerste gespannt und er hatte sich sehr zusammenreißen müssen, um ihnen nicht sofort allesamt den Hals umzudrehen. Zwar hatte er nach fünfstündiger Diskussion - von ihm beinahe im Alleingang geführt, seine Stimme im freundlichsten Schmeichelmodus, der ihm zur Verfügung stand - seinen Willen durchgesetzt, aber seine aufsteigende Mordlust für solange Zeit im Zaum zu halten war nicht seine liebste Beschäftigung.

Nun ja. Wenn er Glück hatte, war die Ofensuppe* noch warm, die er sich vorab in sein Büro bestellt hatte, und vielleicht konnte er dann den Abend mit Paganinis Variationen gemütlich ausklingen lassen -

Seine Aufmerksamkeit fiel auf den Teppichboden ein paar Meter weiter vorn, der durch einen Streifen flackernden Lichts erhellt wurde. War das nicht der Türspalt eines der Experimentierräume für die Schüler, eigens feuerfest und zusammenbruchsicher gebaut, um den Schaden durch Magieunfälle möglichst zu vermeiden? Es gab tatsächlich Leute, die sie nutzten?

Um halb 12 nachts?

Neugierig geworden ließ er die Tür mit einem leichten Kopfnicken unhörbar aufgleiten und brach gleich darauf in einen Hustenanfall aus. Soviel zu seinem Versuch, unbemerkt zu bleiben...

"Aah, Meister...! Was... ich... äh..."

Velvet war herumgewirbelt und stand nun mit dem Rücken zum großen Eichentisch, an dem sie offensichtlich vorher gearbeitet hatte. Was genau das war, fiel dem Meister allerdings schwer zu sagen. Zwischen einigen brennenden Kerzen lagen Dutzende von eng bekritzelten Notizen, ein paar Runenhölzer, eine Schale mit roter Flüssigkeit, "Riten und Bräuche der Historie" und ein großer schwarzer Stein in kreativem Chaos auf dem Tisch herum.

Der Meister hustete ein letztes Mal.

"Velvet, wozu genau brauchst du diese Räucherstäbchen?"

"... ähm, naja..."

"Und musste es Rosengeruch sein?"

"... ich mag doch kein Vanille..."

Mit wenigen Schritten war er am anderen Ende des Raumes und öffnete das Fenster zum Innenhof. Dieses Mädchen... wenn es ihm nicht nicht egal wäre, hätte er es amüsant gefunden, wenn sie an ihrem eigenen Rauch erstickt wäre. Mit einem - wie er hoffte - vertrauenswürdigen Blick drehte er sich wieder zu ihr um.

"So. Was genau machst du hier?"

"Ähm. Nun... ich wollte üben. Weil ich doch im Unterricht nie mitkomme und noch nicht mal die Grundlagen kann, wollte ich versuchen, den Stoff nachzuholen, und ich hab gehofft, dass es mir leichter fällt, wenn ich dabei nicht von dreißig anderen Leuten angestarrt und ausgelacht werde und mich konzentrieren kann, und ich wollte eigentlich nur den Schwebezauber üben, weil Sensei den in der nächsten praktischen Prüfung drannimmt und -"

"Den Schwebezauber?"

"Ja. Ich wollte den Stein hier schweben lassen."

Sie verstummte und sah ihm ängstlich ins Gesicht. Er wusste nicht genau, wovor sie Angst hatte, sie hatte weder Regeln gebrochen, noch irgendetwas kaputtgemacht, noch andere Leute belästigt (ihn ausgenommen, aber da er ungebeten in ihren Raum gekommen war, konnte er ihr das nicht wirklich ankreiden) und so setzte er sein gütigstes Lächeln auf.

Dann trat er einen Schritt nach vorn und kippte mit einem gezielten Stoß den ganzen Tisch um.

"Waaah! Meister, was...!"

In einem großen Rauschen flogen die Blätter durch die Gegend, die rote Soße lief in den Teppich und die Runen kullerten in die letzten Ecken des Raumes. Mit einer knappen Handbewegung löste er die zwei letzten Kerzen von der Oberfläche, warf sie zum Rest auf den Boden und stellte dann in aller Ruhe den Tisch wieder auf die Beine. Immer noch lächelnd hob er dann den schwarzen Stein auf und platzierte ihn exakt in der Mitte des Tisches.

"Velvet."

Ihn traf ein zu Tode erschrockener Blick und er dachte, "was für ein dummes Mädches".

"Velvet. Für Schwebezauber brauchst du Folgendes: Dich, den Stein und Konzentration. Nichts sonst. Du bist hier. Der Stein liegt auf dem Tisch. Und zu deiner Konzentration..."

Er deutete auf das Geschichtsbuch.

"Früher glaubten die Menschen auch, dass Alraunen vor Krankheiten schützen. Früher gingen sie Kräuter nur bei Vollmond sammeln und hielten Feste nur in heiligen Steinkreisen ab. Natürlich wirken auch bei Vollmond gesammelte Kräuter, wieso sollten sie nicht, natürlich kann man Feste feiern, wo man will, aber der Großteil dieser alten Bräuche ist völliger Schwachsinn. Und Himbeersaft zur Steigerung der Konzentration wirkt genauso gut wie drei Schüsseln voll mit Schokoladenjoghurt. Nämlich so gut wie gar nicht.

Und verrate mir doch, was du mit den Räucherstäbchen und den Runen wolltest? Die gehören in die Meditation zur Heilkunde."

Velvet hatte den Blick gesenkt und nuschelte leise vor sich hin.

"Sensei meinte, die Dämpfe braucht man zur Kanalisierung des Bewusstseins..."

Er seufzte. "Ja, zur Kanalisierung des Bewusstseins, wenn man es unterdrücken will. Meditation funktioniert nunmal nicht, wenn man sich bewusst ist, wie unbequem das lange Knien ist. Deswegen nehme ich mir auch immer ein dickes Kissen mit, ich weiss wirklich nicht, warum ich dafür jedesmal so empört angesehen werde."

Es war nicht deutlich, aber er sah Velvets verstecktes Schmunzeln. Sie war so einfach zu manipulieren.

"Gut. Das Schweben. Jetzt, wo wir diesen ganzen Ramsch beseitigt haben, kannst du dich auf das Wesentliche fokussieren. Den. Stein. Bitte."

"Was? Ich soll... jetzt...?"

"Dafür bist du doch hier, oder nicht?"

"Ja, natürlich. Sofort."

Velvet bahnte sich vorsichtig einen Weg durch die herumliegenden Kerzen und Papiere und stellte sich vor dem Tisch auf. Dann schloss sie ihre Augen, atmete tief ein, bekam einen verbissenen Gesichtsausdruck und - es tat sich überhaupt nichts.

Der Meister wusste nicht, ob er jetzt einfach gehen, das Mädchen ihrem traurigen Schicksal überlassen und seine restlichen Kopfschmerzen mit einem Tee auszukurieren sollte, oder ob dieser ausnahmslosen Naivität in Gelächter ausbrechen wollte.

"Velvet, es wäre vielleicht empfehlenswert, die Augen zu öffnen und dein Zielobjekt anzusehen. Wenn du die Augen schließt, musst du dir zusätzlich noch sein Aussehen imaginativ dazudenken. Das ist schwieriger, als es einfach anzuschauen, wenn es schon vor deiner Nase liegt."

"Oh."

Sie öffnete die Augen, atmete wieder tief ein und blickte dann gezielt auf den Stein. Nach drei Sekunden brach sie jedoch ab und wurde rot.

Er runzelte die Stirn.

"Was ist?"

Sie sah verlegen direkt an ihm vorbei. "Naja. Ich kann mich nicht gut... also... ichkannmichnichtkonzentrierenwennichsoangestarrtwerde."

Der Meister blickte verdutzt und musste dann lachen.

"Soso, ich lenke dich also ab?"

"Nein, na ja, nicht direkt Sie, aber... ich fühl mich so beobachtet und das setzt mich unter Druck."

"Hmm, was machen wir denn dann? Soll ich lieber gehen?"

Sie schaute hastig auf. "Nein, nein, so war das nicht gemeint... aber, wenn Sie vielleicht nicht direkt vor mir stehen könnten...?"

Gehorsam begab sich der Meister zur Seite und lehnte sich möglichst weit vom Tisch entfernt an die Wand.

"So besser?"

Velvet war immer noch leicht rot, nickte dann aber. Sie wandte sich dem Tisch zu, atmete wieder tief ein und fixierte dann den Stein mit einem intensiven Blick. Es tat sich immer noch nichts.

Der Meister verschränkte die Arme und räusperte sich kurz. "Ähm , Velvet? Ich könnte falsch liegen, aber ich vermute, dass du dich jetzt zu sehr auf das Konzentrieren konzentrierst."

"Auf das Konzentrieren konzentriere?"

"Ja. Du denkst wahrscheinlich: Ich muss mich konzentrieren, ich muss mich konzentrieren, ich muss mich konzentrieren! Falsch. Denke: Stein. Stein. Hallo, Stein. "

"Äh... Haben Sie gerade Hallo, Stein. gesagt?"

"Ja sicher. Du willst doch dem Stein mitteilen, dass er schweben soll, dafür musst du mit seinen Schwingungen harmonisieren, um ihm die Richtung der Bewegung anzugeben und sein Gewicht zu übernehmen, und das geht am Einfachsten, wenn du ihn in deiner Vorstellung anredest -"

"Schwingung harmonisieren? Gewicht - ? Ich dachte, ich muss nur fest genug daran denken, dass er statt auf dem Tisch einfach drei Zentimeter höher liegt..."

Der Meister sah sie ungläubig an.

"Das stimmt, aber das reicht erst, wenn du schon öfter mit dem Stein kommuniziert hast und er weiß, was du von ihm willst. Aber die Schwingungen brauchst du immer. Das geht später auch schneller, aber am Anfang dauert es meistens ein paar Sekunden, bis man die richtige Ebene gefunden hat. Du verstehst kein Wort, richtig?" 1)

Sie sah langsam zu ihm auf und schüttelte dann den Kopf.

"Hast du schon einmal irgendwas bewegen können?"

Kopfschütteln.

"Aber bei Harmonieübungen das Summen des Objekts schon mal gehört?" 1)

Kopfschütteln.

"Leuchten?" 1)

"Ich habe einmal die Farbe heller gekriegt, glaube ich, bei einer beigen Tass-" Kopfschütteln.

Sie hatte den Kopf gesenkt und schwieg. Er lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und schwieg.

Er dachte darüber nach, ob es sich lohnen würde. Sie schien absolut überhaupt kein Verständnis für Magie zu haben und ihr auch nur die Grundlagen beizubringen würde viel Arbeit kosten. Und Geduld. Wenn es jemand anderes wäre, würde er keine Sekunde darüber nachdenken, dann hätte er den Tisch umgestoßen und wäre daraufhin wortlos gegangen, aber es war nun einmal dieses Mädchen und er hatte Pläne. Aber musste sie dafür unbedingt selbstständig zaubern können? Ob es auch reichte, wenn man ihre Kräfte von außen anzapfte? Er war sich nicht sicher.

Hrmpf. Seine Suppe war inzwischen sowieso schon kalt.

 

 

* WIESO habe ich ihm Ofensuppe als Lieblingsgericht zugeteilt? WIESO? Ofensuppe...

1) Es gibt für das alles sogar einen magietheoretischen Hintergrund. Den erkläre ich allerdings mal an anderer Stelle.

2.12.08 01:02