Countdown 24

2011 - The Pocky year

7. 12. 2008 - 1 Satz - Mizuno Hiroshi

1 – Vorahnung
Er war heute Abend eigentlich mit Freunden zum Karaoke verabredet, doch sein Gefühl ließ ihn kurzfristig absagen und in die Klinik fahren, um nach seinen Versuchsmäusen zu sehen – in dieser Nacht verstarb zum ersten Mal einer seiner Patienten.

2 – Gegensatz
Manchmal fühlte er sich absolut fehlplatziert – wie sollte er verstehen, wie sich seine Patienten fühlten, wenn er selbst problemlos laufen, sprechen und leben konnte?

3 – Gerechtigkeit
„Denken Sie doch nicht den ganzen Tag über so fürchterlich komplizierte moralische Konzepte nach, Sensei, ich finde es viel ungerechter, dass Sie schon wieder die größere Portion Nudeln bekommen haben...“

4 – Nicht abgeschickte Briefe
Eine der Schwestern brachte ihm einen Stapel Briefe ins Zimmer, die sie im Zimmer eines kurz zuvor verstorbenen Patienten gefunden hatte, adressiert an seine Ex-Frau, von der er sich hatte scheiden lassen, als er erfuhr, dass seine Krankheit unheilbar war, und Mizuno verbrachte den Rest der Woche damit, der neuen Adresse der Dame nachzuforschen; drei Wochen später erhielt er eine Karte, mit einem einzigen Wort – „Danke“.

5 – Gedicht
Sein Büro war auf Zweckmäßigkeit eingerichtet und es gab nur einen einzigen persönlichen Gegenstand im ganzen Raum: ein Gedicht von Aya, dass sie ihm in ihrem vorletzten Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte – sie hatte es Ako diktiert und von Rika bunt verzieren lassen.

6 – Macht
Das erste Mal hatte er nach einem viel zu langen Arbeitstag beschlossen, dass der Weg zu seiner Wohnung zu weit war und er verhungern würde, bevor er dort ankam; das zweite Mal hatte die Tochter des Inhabers – die ihn im Übrigen mit sehr kurzweilige Anekdoten aus ihrer Schule unterhalten hatte – ihm das to-die-for Grüntee-Tiramisu empfohlen; das dritte Mal hatte er seine Eltern hierhin zum Essen eingeladen (er würde niemals für seine Mutter selbst kochen); das vierte und fünfte und sechste Mal sagte er sich, dass testen musste, ob die restlichen Gerichte auf der Karte auch so fantastisch schmeckten, und dann brauchte er keine Gründe mehr.

7 – Fernweh
Ob er daran dachte, an ein anderes Krankenhaus zu wechseln, hatte Aya ihn gefragt, und er hatte lachend verneint; er wusste, dass er hier gebraucht wurde, und das reichte vollkommen.

8 – Sterbend
Es gab so viele Arten zu sterben wie Menschen auf der Erde und er hatte so viele davon gesehen: unwissendes Einschlafen, plötzlicher Hirnschlag, langsamer Verfall, quälendes Ankämpfen gegen das Ende; und es gab Tode wie den einer alten Frau, die gesagt hatte: „Wieso, der Zeitpunkt ist doch wunderbar, mein Leben kann nur noch schlechter werden“ und nach dem ihre Familie mit einem leichten Lächeln aus dem Zimmer gekommen war.

9 – Stille
Mizuno blieb oft länger als andere im Krankenhaus und sah einen letztes Mal bei seinen Patienten vorbei; zu Hause wartete niemand auf ihn.

10 – Unordentlich
Die Schwestern auf der Station bewunderten Mizuno-sensei dafür, dass sein Büro immer perfekt aufgeräumt war (seine Freundin musste ein angenehmes Leben haben); allerdings gab seine Ein-Zimmer-Wohnung da ein ganz anderes Bild ab.

11 – Ich und Du
Wütend zerriss er ihre Postkarte nach dem Lesen sofort – wenn seine Freundin schon mit ihm Schluss machte, weil er nie für sie Zeit hatte und seine Patienten ihm offensichtlich wichtiger waren als sie, dann konnte sie das auch persönlich tun; sie wusste ja, wo er zu finden war.

12 – Vergeben und vergessen
„Was soll ich nur mit dir machen, Kind, jede Woche kommst du mit einem neuen Riss in deinen Sportsachen nach Hause, versuch doch bitte, dich nicht immer ganz so elanvoll auf die Bases zu schmeißen, ja?“ – aber er konnte seine Mutter lächeln sehen, wenn sie sich umdrehte, um ihr Nähzeug zu holen.

13 – Entschlossen
Der Fluch eines jeden Arztes war es, immer Hoffnung haben zu müssen – denn die Psyche war für eine Heilung wichtiger als jedes Medikament, und wenn er als Arzt aufgegeben hatte, war der Patient schon verloren.

14 – Versuchung
„Meine Freunde haben mir Pralinen mitgebracht, aber ich mag die mit klebrigen mit Sesam nicht; möchten Sie probieren, Sensei?“

15 – „Ich hätte es dir früher sagen sollen.“
Um die Zeit des O-Bon herum führten ihn seine Schritte jedes Mal hierher und wie immer stand er lange schweigend vor dem Grab des Jungen, in einer unhörbaren Bitte um Vergebung.

16 – Selbstverachtung
Normalerweise trank er nicht, aber für Nächte wie diese stand irgendwo hinten im Schrank eine Flasche Sake herum und nach dem zweiten Glas wünschte er sich, es wäre irgendjemand hier, um ihm zu sagen, dass es nicht umsonst war.

17 – Gnade
Er starrte dem gegnerischen Batter böse grinsend ins Gesicht, während er weit ausholte und zu seinem berüchtigten Killer-Pitch ausholte – Gnade war etwas für Anfänger, Verlierer und für die Zukunft.

18 – Blut
Cola war wie Blut – man konnte sie manchmal durch Remakes ersetzen, so wie man im Notfall Salzwasser infundierte – aber das Original war immer noch um Welten besser.

19 – Zerschlagen
Er verschrieb Medikamente und ließ Experimente laufen, er fuhr auf Kongresse und zu Tagungen, er unterstützte und begleitete, er hoffte und kämpfte und hatte jedes Mal verloren.

20 – Teilnahmslos
Mizuno war mit einem Studenten, der für ein paar Wochen auf seiner Station hospitierte, zusammen auf Visite und fand Aya in Gesellschaft ihrer Schwester, die ihr „Kafka am Strand“ von Murakami vorlas, während sie einfach nur zur Decke hochsah; als er den zweifelnden Blick bemerkte, den der Student Aya zuwarf (Mizuno seufzte innerlich, waren sie denn alle gleich?), fragte er Aya, welche der Figuren sie am liebsten mochte und bekam ein promptes „Hoshino, seine Frisur gefällt mir“ zur Antwort – der Student würde später bei ihm habilitieren und an das neurologische Institut in Nagoya gehen.

21 – Kalt
Es war schwierig, Entscheidungen zu treffen, richtige und weitreichende, aber inzwischen hatte er erfahren, dass Ehrlichkeit das bessere der beiden Übel war, denn der Schmerz war immer derselbe, die verbleibende Zeit nicht.

22 – Winter
Jedes Jahr im Dezember stand auf einmal diese fürchterlich kitschig dekorierte Miniaturausgabe von Weihnachtsbaum in der Klinikvorhalle und er lief immer betont ignorant daran vorbei, nicht dass jemand auf die Idee kam, er fände ihn hübsch – diese Tatsache würde er unter keinen Umständen ans Licht gelangen lassen, er hatte einen guten Ruf zu verlieren.

23 – Verlassen
Er war froh, dass die Zimmer der Patienten entweder von den Hinterbliebenen oder von den Schwestern leergeräumt wurden – er war sich nicht zu fein dafür, aber von den leeren Betten und kahlen Wänden wurde ihm schlecht.

24 – Träume
Als er mal wieder wegen eines Notrufes mit wehendem Kittel durch die Flure gestürmt war, fragte ihn danach ein kleines Mädchen im Warteraum mit einem strahlenden Grinsen, ob er der gute Batman wäre – er hätte doch Kinderarzt werden sollen.

25 – Frieden
Mizuno hatte gerade seine dritte Pokerpartie gewonnen (Schwager, Sohn und er), damit das Essen aufs Haus bekommen, nippte gemütlich an seinem Bier und die Welt drehte sich ein wenig langsamer.

7.12.08 01:38