Countdown 24

2011 - The Pocky year

9. 12. 2008 - Höhlen der Zeit

Der Reisende kam zu später Abendstunde an die Fehdemauer, als das immerwährende Licht schon tief lag und lange Schatten zwischen die Dünen malte. Die drei Mönche der Spätschicht hatten ihn von weitem bemerkt, seine Begleitung aus Staubgeistern tanzte hoch im Himmel, und sie empfingen ihn mit einer großen Schüssel Wasser zum Kühlen der Hände und des Gesichts.

Der Ankömmling stieg ruhig von seinem Pferd und erwiderte ihren Gruß in ihrer eigenen Sprache; dies war selten, wenig Fremde waren heutzutage noch des Antassischen mächtig. Er stellte sich als Crain, Mitglied der Heilergilde aus Ilvirakan, vor und bat um Aufnahme und Unterkunft für die Nacht. Dann fragte er nach Tanon, dem er die Botschaft, mit der er entsandt wurde, übergeben sollte. Einer der Mönche trat vor und gab sich als Tanon zu erkennen, nach einem traditionellen Händeschlag führte er den Gast in die Hauptgemäuer.

Sie gingen vom Wachtturm aus Richtung Nordwesten und überquerten eine hohe Wand aus Dünen. Dahinter fiel das Gelände leicht ab und gab den Blick auf mehrere im Sand halb vergrabene Mauern und Türen frei. Tanon öffnete eine davon mit einem alten Drehmechanismus und stieg dann auf der dahinterliegenden Treppe nach unten. So hell das Licht auf der Oberfläche auch sein mochte, nach ein paar Schritten waren auch die letzten durch die Steinfugen dringenden Strahlen von der Dunkelheit verschluckt.

Unterwegs wandte sich Crain an seinen Führer.

"Verzeiht meine Übervorsichtigkeit, Tanon, aber aufgrund der hohen Wichtigkeit und Vertraulichkeit meiner Botschaft hat man mir vieles an Sicherungsmaßnahmen aufgetragen. Eine davon ist es, mich eindeutig zu versichern, dass Ihr wirklich der sind, für den Ihr Euch ausgebt. Ich wollte vorhin in Gegenwart Anderer Eure Glaubwürdigkeit nicht durch eine solch indiskrete Frage in Zweifel stellen, deswegen bringe ich dies jetzt zur Sprache, aber ich muss Euch darum bitten, mir später einen Blick auf Eure Male zu gestatten."

Der Angesprochene antwortete nicht sofort und begann dann leise zu sprechen.

"Wir Ihr sicher wisst, wurde im großen Krieg das Kloster der Sonnenkinder fast vollkommen zerstört. Die einzigen übriggebliebenen Teile habt Ihr vorhin bei Eurer Ankunft gesehen, das Tor der Sande, die Fehdemauer und die kleinen Befestigungstürme. Die Mönche haben viele Jahre später, nachdem die Waffenruhe in einen latenten Frieden übergegangen war, ein neues Kloster für den reformierten Orden am Rand der Wüste gebaut, in der sie heutzutage den Großteil ihres Lebens und ihres Dienstes verbringen."

Dann blieb er stehen und wandte sich an den jungen Boten.

"Ich verstehe Eure Vorsicht nur zu gut, ich würde nicht anders handeln. Und wenn meine Ahnung vom Inhalt Eurer Nachricht in etwa stimmt, dann habt Ihr auch mehr als genug Gründe dafür. Gewiss werde ich Eurer Bitte nachkommen und mich als der rechtmäßige Empfänger ausweisen und als Zeichen meines Vertrauens in Euch als Abgesandten der Heilergilde werde ich Euch in ein wohlgehütetes Geheimnis einweihen. Allerdings benötige ich Euren Schwur, dass ihr von dem, was Ihr heute zu sehen und hören bekommt, niemals und unter keinen Umständen ein Wort verliert."

Er schwieg und als Crain bemerkte, dass er auf eine sofortige Antwort wartete, nickte er, kreuzte dann die Arme und verneigte sich mit dem für einen Schwur üblichen Gruß an die Göttin.

Tanon nickte zufrieden und legte dann seine Hand an die Wand hinter ihm, die, wie Crain nun recht verspätet bemerkte, das Ende ihres Weges darstellte.

"Die neuen Klostermauern stellen die Grenzen des neuen Ordens dar. Doch entgegen den Berichten ist vom alten Kloster noch sehr viel mehr übrig geblieben, als das, was ich Euch vorhin erzählt habe. Die früheren Äbte haben schon seit Hunderten von Jahren versucht, sich dem Einfluss der Politik des wankelmütigen Königshauses zu entziehen, und so wurde dies geschaffen."

Tanons Hand zog einen weiten Kreis in die Oberfläche der Lehmwand und klopfte dann genau in die Mitte.

"Tanon, Sohn des Danaus, erbittet Einlass. Ich bringe einen vertrauenswürdigen Gast."

Von der anderen Seite waren Geräusche zu hören, die Crain nicht einordnen konnte, und wenig später schob sich ein Teil der Wand nach hinten und ließ einen Eingang in einen hell erleuchteten Gang eröffnen.

Tanon trat einen Schritt zur Seite und bat Crain mit einer Verbeugung einzutreten.

"Die Klosteranlagen wurden unterirdisch erweitert und gut die Hälfte der sichtbaren Gebäude bekam ein entsprechendes Gegenstück unter der Erde. Dieser Komplex wurde über die Jahre immer mehr erweitert, mit zusätzlichen Gängen erreichbar gemacht und kurz vor Ausbruch des Krieges teilweise als Rückzugsort und Schutzbunker ausgebaut. Von all diesem wusste nur die innersten Zirkel des Ordens und nach der großen Schlacht wurde das Wissen um diese Strukturen mit den wenigen Überlebenden in alle Teile Vlerns zerstreut. Doch diese Teile haben sich wieder zusammengefunden und inmitten des neuen Ordens hat sich der Kern des alten wieder manifestiert. Was Ihr hier vor Euch seht, Crain, ist das Schattenkloster des alten Ordens der Sonnenkinder. Die Höhlen der Zeit."

9.12.08 00:18