Countdown 24

2011 - The Pocky year

12. 12. 2008 - Rewrite

[Kennst du die beiden hier noch? Gut, ich auch nicht...]

 

"Nobody can go back and start a new beginning, but anyone can start today and make a new ending."

 

 

Er stand jetzt seit geschlagenen 20 Minuten vor ihrer Tür und konnte sich nicht entscheiden. Es ging nicht darum, einfach nur die Hand zu heben und zu klingeln, hier lag eine gewichtige Entscheidung vor ihm, die sein weiteres Leben bestimmen würde. Oder so. Hatte er sich zumindest überlegt.

 

Sein bester Kumpel hatte ihn ausgelacht.

So, so, du musst also schon wieder nach San Diego, was für ein Zufall, hatte er gesagt und dabei für seinen Geschmack viel zu süffisant gegrinst.

Die Idee kam von meinem Boss, nicht von mir, kam seine resignierte Antwort. Und kannst du mir jetzt einfach nur sagen, ob ich vorbeischauen soll oder nicht?

Sein Freund tat einen tiefen Zug an seiner Zigarette und blies den Rauch gezielt in seine Richtung. Du stehst immer noch auf sie, oder?

Wenn es nur "auf sie stehen" wäre, hätte ich kein Problem.

Ach ja, entschuldige, du bist ja der Meinung, du wärest immer noch verliebt. Ihr Schlüssel schläft unter deinem Kopfkissen, richtig?

Wieso rede ich überhaupt mit dir?

Sein Freund lachte sein lautes Lachen.

Hör mal, ich weiß, dass du denkst, die ganze Sache wäre unglaublich schwierig. Fernbeziehungsregeln und Verpflichtungen und Jobs und falsche Hoffnungen und loslassen und so ein Kram. Aber eigentlich hast du nur Schiss, dass ihr neuer Typ die Tür aufmacht und sie dir gleich wieder vor der Nase zuschlägt, oder?

Er schwieg und sein Freund drückte seine aufgerauchte Zigarette im Aschenbecher aus.

Geh hin und sag Hallo. Schau auf 'nen Kaffee vorbei, die Einladung dazu hast du schriftlich. Alles andere wirst du bereuen. Und jetzt hör auf die liebeskranke Dramaqueen zu spielen, hast du noch Kreuz oder ist das mein Stich?

 

Er war sich nicht mal sicher, ob sie ihm wirklich noch so wichtig war, wie er dachte. War er noch in sie verliebt oder wollte er es nur sein? Redete er sich die Sachen schön? Vielleicht sah sie gar nicht mehr so aus, wie er sie in Erinnerung hatte.

Und sein Kumpel würde ihn auslachen, wenn er ihn jetzt sehen könnte, und es war nur ein gottverdammtes Hi, ich war in der Gegend und dachte, ich frag mal, wie's dir geht. Er würde nach ihrem Studium fragen und ob die Batters die letzte Saison gewonnen hatten und warum der Starbucks in der Hauptstraße zugemacht hatte und -

Er stand inzwischen seit 30 Minuten hier. Er war so ein Mädchen. Er klingelte.

Niemand öffnete. Er klingelte nochmal. Lauschte dann an der Tür, ob er irgendwelche Geräusche aus dem Appartement hören konnte.

Nichts.

 

Er hatte sich in einem Straßencafé niedergelassen und stocherte in seinem Eis herum. Jetzt wo seine Nervosität verschwunden war, blieb nur noch das Gefühl von Steinen in seinem Magen zurück. Vielen großen Steinen. Verdammt.

Er hatte gedacht, es wäre unsinnig, sie wiedersehen zu wollen, denn das Thema hatte er ja letztesmal schon. New York war immer noch nicht näher an San Diego herangerutscht. Und es war damals kein einziges Wort gefallen, dass das Thema Zukunft auch nur irgendwie tangiert hatte. Und sie hatten keinerlei Kontakt gehalten. Aber jetzt spürte er, war er sich sicher, wusste er, dass er nicht wieder einfach gehen konnte oder wollte. Das Bild dieser verschlossenen Tür direkt vor seiner Nase, so nah, so weit weg, scherte sich weniger um Distanzen und würde ihn bis nach New York verfolgen.

Als er nach seiner Brieftasche fischte, um zu bezahlen, klimperte ihr Schlüssel in seiner Hosentasche.

 

Sein erster Gedanke war, oh, ich hab schon wieder vergessen, das Geschirr vom Frühstück in die Maschine zu räumen. Dann fiel ihm ein, dass er seit einem halben Jahr nicht mehr hier gewesen war und dass das nicht sein Geschirr war.

Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und blieb im Flur stehen. Es hingen andere Jacken am Haken, aber den Schal hatte sie damals auch getragen. Das Sofa, auf er geschlafen hatte, war jetzt mit Papieren, Klamotten und Handtaschen zugemüllt. Ein neuer Kalender hing an der Wand, sie hatte neue Vorhänge. Als er die Augen schloss und tief einatmete, erkannte er sogar den Geruch wieder.

Mit einer knappen Handbewegung schob er die Teller auf dem Küchentisch zur Seite und stellte die Tüte mit dem Sushi ab. In der Kaffeekanne waren tatsächlich noch drei Schluck Kaffee, die er grinsend in die blaue Tasse mit dem Kamel füllte und austrank. Dann nahm seine Neugier überhand und er warf einen Blick ins Bad: Keine zweite Zahnbürste, kein Rasierer, einfaches Set an Handtüchern.

Er hatte nicht vorgehabt, länger zu bleiben oder auf sie zu warten, aber plötzlich war die Nervosität wieder da. Sie hatte offensichtlich keinen neuen Freund, zumindest keinen festen, zumindest keinen, der mehr als dreimal die Woche hier war oder bei ihr wohnte. Vielleicht... es war ja nicht auszuschließen, dass... der Schlüssel... was hatte er zu verlieren?

Der Notizblock aus dem Telefonschrank war verschwunden, aber er fand Haftzettel auf dem Abzug über dem Herd. Ordentlicher war sie auch nicht geworden. Dann schrieb er eine kurze Nachricht, Besten Dank für den Kaffee, neue Sorte etwas weniger aromatisch als gewohnt. Weg zum Sushiladen nicht mehr ganz im Kopf, hab mich dreimal verlaufen. Schöne Vorhänge. Bin noch fünf Tage in der Stadt, herzliche Grüße.

Er zögerte kurz und kritzelte dann noch etwas auf die Rückseite. Der Zettel wurde auf die Sushibox geklebt, die Tasse brav gespült und nach einem letzten kurzen Blick verliess er die Wohnung wieder. Es erinnerte ihn unwillkürlich an seinen letzten Abschied und er betete, dass er vielleicht diesmal seinen Flug verpassen würde.

Die Hand in seiner Jackentasche ballte sich fest um den Schlüssel.

12.12.08 01:32